Durch Gottes
Gnade bin ich, was ich bin.

1.
Korinther 15,10

“Was bist
du?” Diese Frage wird uns sehr oft gestellt und gemeint ist dabei meistens
die Frage nach dem Beruf, der Tätigkeit, mit der ich mein Geld verdiene. Je
mehr Geld ich habe, desto geachteter und einflussreicher bin ich für meine
Mitmenschen, desto wichtiger ist mein Wort.

Aber stimmt
das so genau? Wie oft erleben wir, dass ganz einfache Menschen für ihre
Mitmenschen, ihre Familie, ihre Nachbarn, ihre Freunde ganz besonders
wichtig sind.

Was also
macht den Wert eines Menschen aus? Wie kann er beschrieben werden? Fleiß,
Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Treue,…..und vieles mehr
gehört sicher dazu.

Welche
Begabungen sind besonders ausgeprägt? Sind es der Sport, die Musik, fremde
Sprachen, praktische Fähigkeiten wie Kochen, Basteln, oder lieben wir den
Kontakt zu anderen Menschen, Kindern, Kranke, Alte?

Auch die
Entwicklung dieser Fähigkeiten ist von vielerlei Umständen abhängig. Wir
sind in unserem Land in gesicherten Verhältnissen aufgewachsen. In der Regel
finden wir Freunde und Wegbegleiter, die uns mit Rat und Hilfe zur Seite
stehen. Aber das ist nicht überall auf unserer Welt so. Da, wo der Kampf um
das tägliche Brot, um das Dach über dem Kopf im Vordergrund steht, bleiben
viele Begabungen unentdeckt und werden nicht entwickelt.

Aber ist es
mein Verdienst, wenn ich heute so bin wie ich bin? Nein, Gott ist es, der
mich so geschaffen hat. Gott ist es, der mir alle Entwicklungsmöglichkeiten
gegeben hat, die ich brauchte. Gott hat mich an diesen Platz in meinem Leben
gestellt. Und dafür bin ich ihm dankbar. So, wie ich bin, bin ich Gottes
Geschöpf und das gibt mir einen Wert, der mit nichts anderem zu vergleichen
ist Dieser Wert gibt mir eine Würde und eine Sicherheit, die mir hilft, den
täglichen Aufgaben, die mir gestellt sind, gerecht zu werden. Das heißt
nicht, dass ich immer alles richtig mache, aber der gnädige Gott vergibt mir
meine Schuld und aus dieser Gnade darf ich leben. Das macht mich
frei.

Diese
Freiheit verändert auch meine Beziehung zu meinen Mitmenschen. Ich kann
ihnen frei und offen gegenübertreten, kann mich mit ihnen freuen, mit ihnen
traurig sein, kann Probleme mit ihnen besprechen und nach Lösungen suchen.
Ich kann dazu beitragen, dass es in meiner Umgebung, in der der Welt,
menschlicher zugeht. Dies alles ist möglich, weil ich weis: Durch Gottes
Gnade bin ich, was ich bin.

Lektorin Anne Schmid

Anne Schmid,
die Autorin dieses
Beitrages,
war Oberstudienrätin an der Wilhelm-Filchner-Schule.
Sie
gehörte dem Kirchenvorstand an
und ist Lektorin im Kirchenkreis Wolfhagen.

“Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.”

Der Monatsspruch für den Monat Juni aus dem 1. Kor 15,10 könnte
genauso gut heißen: “Durch Gottes Gnade sind wir, was wir sind”.
In der
christlichen Theologie ist die göttliche Gnade ein zentraler Begriff, der
besonders im Zusammenhang mit der Erlösung und Rechtfertigung in Christus
gebraucht wird. Die Gnadenlehre war in allen christlichen Epochen umstritten. Es
wurden viele Bücher darüber geschrieben. In der Reformation wurde die
Rechtfertigung, die für Martin Luther zu den unaufgebbaren Lehren der Kirche
zählte, sogar zu einem zentralen Streitpunkt.
Mir gefällt die Definition,
die die Elberfelder Bibel gibt. Danach ist Gnade eine Gunst, die ohne Erwartung
von Vergeltung oder Gegenseitigkeit gewährt wird. Die absolute Freiheit der
Barmherzigkeit Gottes gegen die Menschen, die ihren einzigen Beweggrund in der
Güte und Freimütigkeit des Gebers hat. Gnade meint also die unverdiente Gunst
Gottes.
Für mich bedeutet Gottes Gnade, dass ich nichts beweisen muss,
nichts rechtfertigen, nichts tun. Ich bin bedingungslos in Ewigkeit angenommen
von Gott und es gibt nichts, was diese ewige Geborgenheit in Gott in Frage
stellen kann. Das heißt: Ich darf Fehler machen und ich darf versagen. Bei
Gottes Gnade gibt es kein “Ja, aber…”
Da kein Mensch für sich alleine
lebt, sondern ein Wesen ist, das in Beziehung zu anderen Menschen steht, die in
derselben Gnade Gottes leben, bedeutet Gottes Gnade für das Zusammenleben der
Christen: niemand muss sich rechtfertigen, niemand darf gedemütigt werden,
niemand wird losgelassen, niemand wird endgültig abgeschrieben, niemand wird mit
seinen Schmerzen alleingelassen.
Denn Gnade ist kein abstraktes Prinzip,
sondern etwas, was in jedem Menschen Gestalt annimmt. Gnade kommt von außerhalb
der eigenen Person, muss empfangen und angeeignet werden. Gottes Gnade besteht
darin, dass er in Jesus Christus Mensch geworden ist, der für uns gelitten,
gestorben, begraben und auferstanden ist.
Im letzten Satz der Bibel, in
Offenbarung 22,21, heißt es: “Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!” Wir
dürfen also sicher sein, dass Gott nicht ruhen wird, bis er seine Gnade überall
und endgültig verwirklicht hat.


Vikarin Andrea Brede-Obrock

Andrea Brede-Obrock,
die Autorin dieses Beitrags,
ist Vikarin.
Vor
kurzem wurde sie in unserer Gemeinde
verabschiedet.
Derzeit bereitet sie
sich
im Evangelischen Predigerseminar Hofgeismar
auf ihre Zweite
Theologische Prüfung
und auf ihr Pfarramt vor.